
Als der Kosovo Krieg anfing, war ich wie verloren. Ich konnte mich in der Schule nicht konzentrieren. Mit Freunden konnte ich auch nichts unternehmen, ich wollte einfach nicht raus gehen. Ich wusste nur eines: ich wollte unbedingt in den Kosovo gehen! Ich konnte es nicht mehr ertragen, dass so viele Leute umgebracht werden. Ich wollte einfach dort sein, im Krieg, und immer habe ich darüber nachgedacht, wie man im einem Krieg lebt, was macht man überhaupt, wie man in einem Krieg reagiert. Wie werden die Kinder auf diese Situation reagieren? Haben sie Angst, wissen sie denn, was ein Krieg bedeutet? Doch zu Glück war es in unserem Dorf ein bisschen ruhiger .Ich und meine Familie konnten hier nichts tun. Es kam nichts im Fernseher über mein Dorf, telefonieren war möglich nur einmal im Monat. Mein Cousin hatte gesagt, dass es den Umständen entsprechend gut ging, aber es gabt Schiessereien und Tote, jeden Tag kamen Leute, die sich verstecken wollten.
Dann am 20. September 1998 starb meine Tante. Dann musste mein Vater und meine Mutter in den Kosovo fliegen wegen meiner Cousine. Sie wollte noch einmal ihre Mutter nochmals sehen. An dem Tag, an dem meine Tante gestorben war, und mein Onkel in Deutschland operiert wurde, war es besonders schlimm. Ich wusste gar nicht mehr weiter, alles Schlimme geschah gleichseitig: mein Onkel operiert, meine Tante gestorben, meine Eltern im Kosovo! So was Schlimmes bei mir habe ich noch nie erlebt. Was habe ich gemacht? Nichts! Das war schon schlimm genug. Was wird noch kommen?! Da meine Eltern und meine Cousine wieder in die Schweiz kamen, waren ich und meine Geschwister erleichtert.
Am Ramadan-Fest flog mein Vater noch einmal in den Kosovo, er musste die Frau meines Cousins aus dem Kosovo holen. Sie wollte einfach zu ihren Mann nach Deutschland, aber sie kam dann schliesslich nicht. Mein Vater kam wieder alleine zurück. Die Frau meines Cousins ist wieder vom Flughafen nach Hause gefahren. Ich weiss nicht warum.
Im Januar wurde mein Bruder verlobt, aber seine Verlobte war in Kosovo, es war schön, dass mein Bruder verlobt war. Aber es war schlimm, das meine Tante starb. Mein Onkel hat die Herzoperation gut überlebt. Von der Verlobten meines Bruder haben während des Krieges zeitweise nichts mehr gehört. In dieser Zeit wussten wir nur noch über den Fernseher, was im Kosovo geschah. Es gab keine Telefonverbindung, keine Nachrichten von andern Leuten! Dann wussten wir, dass die Leute von unserem Dorf "Krusha e Madhe" (das heisst: die grosse Birne) natürlich geflohen waren. Es hatte ein paar Tage oder Wochen gedauert, bis sie nach Albanien erreicht hatten. Mein Onkel war nach Albanien geflogen und wollte auf seine Söhne warten, natürlich auch auf seine Schwestern. Sie kamen nach zwei Tagen. Natürlich waren alle glücklich, dass viele aus unserem Dorf überlebt hatten. Auch mein Onkel war glücklich, dass seine zwei Söhne überlebt hatten, und zwei andere Söhne (der ältere ist in der Schweiz mit uns zusammen, der kleinste ist in Deutschland mit meinem Onkel) und seine Tochter am Leben waren. Nur seine Frau war tot.
In den Sommerferien 1999, gerade als die NATO in den Kosovo gekommen war, bin ich mit meinem Vater und meinem Cousin in Kosovo geflogen. Endlich wieder im Kosovo und in Freiheit! Aber wir waren nicht in Kosovo geflogen, sondern nach Mazedonien. Der Flughafen von Kosovo war zerstört, aber bald wurde er von der NATO wieder aufgebaut.
Als ich mit dem Taxi an der Grenze zum Kosovo war, sah ich schon von weitem schon weitem die verbrannten Häuser. Wir fuhren weiter bis zu unserem Dorf. In meinem Dorf waren die meisten Häuser verbrannt. Fast keine Menschen waren zu sehen. Die Läden waren zerstört. Um ehrlich zu sein: ich erkannte mein Haus nicht wieder. Zum ersten Mal sah ich meine Heimat verbrannt, was für ein schlechtes Gefühl. Als wir im Dorf waren, sah ich meinen Cousin und eine meiner Tanten, seine Frau und seine Kinder. Agon, eines der Kinder, mag ich am liebsten. Er war das erste Kind in unserer Familie, und der Kleinste. Als ich in unser Haus ging, war ich sprachlos, alles war verbrannt, doch andererseits denke ich, Häuser kann man wieder aufbauen, aber Menschen kann man nicht wieder lebendig machen. Der Verlust von Menschen schmerzt mehr! Ich bin froh, das der Krieg vorbei ist, wenigstens haben wir jetzt Ruhe vor den Serben.
Später wurden weitere Tote in der Nähe gefunden, die begraben werden mussten. Es waren 30 Tote, 10 mit Namen, 20 ohne Namen, die man aufgrund der Knochen identifizieren musste. Es war schlimm zu sehen, wie die Mutter, der Vater und die Kinder weinten. Ich selber habe auch geweint, ich hab zum ersten mal geweint über die Toten im Krieg. Es waren viele Leute. Ein paar, die ich eigentlich kannte, erkannte ich nicht mehr wieder. Es war, als wäre ich nie in meiner Heimat gewesen, als hätte ich diese Leute nie im Leben gesehen.
Dann gingen mein Vater, mein Cousin und seine Frau und ich zur Verlobten meines Bruders. Bei ihr war alles in Ordnung. Alle haben überlebt.
Dann kam mein Bruder mit meiner Cousine (deren Mutter im Krieg starb). Wir fuhren zusammen durch den Kosovo. Zu sehen gab es nicht viel, alles war verbrannt. Eines wollte ich gerne wissen: Wie lebt man nach dem Krieg. Einer hatte gesagt: Man muss stark sein, um weiter zu leben. Das wird einmal Vergangenheit sein, und der Krieg wird immer in Erinnerung bleiben. Dann gingen wir alle unsere Verwandten besuchen. Sie erzählten uns, wie sie den Krieg überlebt hatten, und wie sie nach Albanien geflohen sind. Beim jedem hörte man etwas Neues. Dies und das, was während des Krieges geschehen war. Es war lustig und traurig zugleich! Wie sie mit den Kindern weg gegangen sind, und wie sie geweint haben, nicht ruhig sein konnten! Wenigstens am Abend musste man still sein. Wo sie waren, war es kalt. Und nichts Richtiges war zum Essen da. Oft musste man nochmals nach Hause gehen, um etwas zu Essen zu holen. Nach zwei Tagen wurde geschossen. Eine schwanger Frau, die im Auto schlafen wollte, hatte es erwischt. Das ganze Auto stand in Flammen. Dass machte noch mehr Angst, und sie flohen noch weiter weg. Aber Serben hatten sie immer aufgehalten, ihnen Sachen abgenommen, die sie bei sich hatten. Schliesslich gelangten sie nach Albanien, wo sie sicher waren. Im Albanien war es nicht schlecht, es war aber zu heiss, und es waren da zu viele Leute. Zu essen und zu trinken gab es auch etwas.
Nach ein paar Monaten gingen wir wieder in den Kosovo. Es hatte sich nicht viel geändert. Die Häuser waren noch nicht hergerichtet. Mein Cousin erzählte uns, dass sie wieder von ganz vorne anfangen mussten.
Vor fünf Wochen war ich das letzte Mal im Kosovo. Es wurden immer wieder die gleichen Geschichten erzählt: wie es angefangen hatte, wie sie geflohen waren, wer umgebracht wurde...
Ich bin jetzt froh, dass es aufgehört hat mit dem Krieg. Krieg ist halt so, ich selber verstehe nicht so viel davon. Ich finde es schlimm, dass die Serben Menschen umgebracht und alles zerstört haben. Ich wüsste gerne, was ich ihnen sagen würde! Aber ich weiss es nicht. Ich kann nur sagen: Ich will sie nie wieder in meinem Heimatland sehen! Ich will nie wieder erleben, was sie uns angetan haben, niemals!
Shkurta e juja nga Kosova.